
Die Wörter Immigrant und Emigrant bezeichnen dieselbe Person, betrachtet aus zwei geografisch entgegengesetzten Blickwinkeln. Der erste sieht sie ankommen, der zweite sieht sie gehen. Der ganze Unterschied liegt in diesem Perspektivwechsel, und dennoch bleibt die Verwirrung in der Presse, im alltäglichen Gespräch und sogar in einigen Verwaltungsdokumenten bestehen.
Die Rolle der Präfixe im Vokabular der Migration
Der Schlüssel zum Verständnis liegt in der lateinischen Konstruktion der beiden Begriffe. Das Verb migrare (sich bewegen) erhält ein Präfix, das den Blickwinkel radikal verändert.
Das Präfix “é-” stammt von “ex-“, was “aus” oder “nach außen” bedeutet. Emigrieren bedeutet also, nach außen zu migrieren, sein Herkunftsland zu verlassen. Das Präfix “im-” leitet sich von “in-” ab, was “innen” bedeutet. Immigrieren bedeutet, nach innen zu migrieren, in ein neues Land einzutreten, um sich dort niederzulassen.
Diese Logik findet sich auch in anderen Paaren französischer Wörter: exportieren (nach außen senden) und importieren (hineinbringen), oder auch ausschließen und einschließen. Sobald dieser Mechanismus erkannt wird, ist es schwierig, die beiden Begriffe zu verwechseln.
Das Verständnis des Unterschieds zwischen Immigrant und Emigrant beruht also auf einer einfachen Frage: Aus welchem Land betrachtet man die Bewegung dieser Person?

Emigrant und Immigrant: dieselbe Person, zwei Perspektiven
Ein konkretes Beispiel macht die Mechanik klar. Eine in Frankreich geborene Person, die sich in Kanada niederlässt, ist aus der Sicht Frankreichs eine Emigrantin und aus der Sicht Kanadas eine Immigrantin. Der Status ändert sich je nach Referenzgebiet, nicht je nach der Person selbst.
Dieser doppelte Status wird oft missverstanden. In der Alltagssprache bezeichnet “Immigrant” tendenziell jemanden, der von anderswo kommt, während “Emigrant” seltener verwendet wird. Diese Asymmetrie in der Verwendung spiegelt eine Perspektivverzerrung wider: Man spricht häufiger über die Personen, die zu einem kommen, als über die, die gehen.
Der besondere Fall des Begriffs “Migrant”
Das Wort “Migrant” ist neutraler. Es bezeichnet eine Person in Bewegung, ohne den geografischen Blickwinkel zu präzisieren. In der Presse wird es oft auf Personen angewendet, die sich im Transit befinden und noch keinen festen Status in einem Aufnahmeland haben.
Die Begriffe “Emigrant” und “Immigrant” (mit einem “a”) beschreiben hingegen die laufende Handlung: Die Person ist dabei, zu gehen oder zu kommen. “Emigrant” und “Immigrant” (mit einem “é”) implizieren, dass die Bewegung abgeschlossen ist und die Person sich niedergelassen hat.
Statistische Definition und gängige Definition: eine Diskrepanz, die man kennen sollte
In den harmonisierten europäischen Statistiken entspricht die Definition eines “Immigranten” nicht genau dem gängigen Gebrauch des Wortes. Eurostat und die Vereinten Nationen betrachten als Immigrant jede Person, die ihren Wohnsitz in einem Land für mindestens zwölf Monate begründet, einschließlich eines Bürgers, der nach mindestens einem Jahr Aufenthalt im Ausland in sein eigenes Land zurückkehrt.
Diese operationale Definition hat eine kontraintuitive Konsequenz: Ein Teil der jährlich in einem Land gezählten “Immigranten” sind in Wirklichkeit seine eigenen Rückkehrer. Die automatische Assoziation zwischen “Immigrant” und “Ausländer” hält also im statistischen Rahmen nicht stand.
In Frankreich verwendet das INSEE eine restriktivere Definition: Ein Immigrant ist eine Person, die im Ausland geboren wurde und in Frankreich lebt. Diese Definition schließt Franzosen, die im Ausland geboren wurden, und Personen mit vorübergehendem Aufenthalt aus.
Warum diese Definitionen im Alltag wichtig sind
Die Divergenz zwischen gängigem Gebrauch und statistischem Gebrauch führt zu Missverständnissen in der öffentlichen Debatte. Wenn eine offizielle Zahl die Anzahl der Immigranten, die in ein Land kommen, bekannt gibt, umfasst sie manchmal Profile, die die breite Öffentlichkeit nicht spontan mit dem Wort “Immigrant” assoziieren würde: Rückkehr-Expatriates, Studierende in Langzeitmobilität, Ehepartner von Staatsangehörigen.
Diese Nuancen zu kennen, ermöglicht es, die Daten zur Einwanderung mit mehr Distanz zu lesen.

Ähnliche Begriffe, die nicht mit Immigrant und Emigrant verwechselt werden sollten
Mehrere Wörter kreisen um das lexikalische Feld der Migration, ohne Synonyme zu sein. Hier sind nützliche Unterscheidungen:
- Expatriate: Person, die im Ausland lebt, oft aus beruflichen Gründen, ohne die Konnotation eines endgültigen Bruchs mit dem Herkunftsland. Der Begriff wird als sozial wertvoller wahrgenommen, im Gegensatz zu “Immigrant”, der im alltäglichen Gebrauch manchmal eine negative Konnotation hat.
- Flüchtling: Person, die internationalen Schutz erhalten hat, weil sie vor Verfolgung oder Konflikten flieht. Der Flüchtlingsstatus ist rechtlich definiert durch die Genfer Konvention. Ein Flüchtling ist auch ein Immigrant in seinem Aufnahmeland, aber nicht alle Immigranten sind Flüchtlinge.
- Staatenloser: Person, die von keinem Staat als Staatsangehöriger anerkannt wird. Ein Staatenloser kann irgendwo Immigrant sein, hat aber rechtlich kein Herkunftsland, was die Anwendung des Begriffs Emigrant in seinem Fall unmöglich macht.
- Migrant: generischer Begriff, der jede Person umfasst, die ihren Wohnsitz wechselt, unabhängig von Grund oder Dauer. Er präzisiert weder den geografischen Blickwinkel noch den rechtlichen Status.
Die Wahl des Vokabulars ist nie neutral. “Expatriate” und “Immigrant” können dieselbe Realität beschreiben, aber erstere evoziert eine gewählte Mobilität, während letztere oft mit einer erlittenen Migration assoziiert wird. Diese Unterscheidung ist nicht linguistisch, sondern sozial.
Praktische Beispiele zur Beibehaltung der Unterscheidung
Die zuverlässigste Methode, um die beiden Wörter nicht mehr zu verwechseln, besteht darin, den Satz zu formulieren, indem man das Referenzland präzisiert:
- Aus der Sicht Marokkos hat diese Person emigriert (sie ist gegangen).
- Aus der Sicht Frankreichs hat diese Person immigrated (sie ist angekommen).
- Das Verb “emigrieren” beantwortet die Frage “Woher geht sie?”.
- Das Verb “immigrieren” beantwortet die Frage “Wohin kommt sie?”.
Wenn das Referenzland im Satz nicht präzisiert ist, muss der Kontext ausreichen, damit der Leser es erraten kann. Andernfalls ermöglicht das Wort “Migrant”, präzise und unmissverständlich zu bleiben.
Das nächste Mal, wenn ein Presseartikel “Immigrant” oder “Emigrant” verwendet, genügt es, sich zu fragen: Aus welchem Gebiet wird diese Person beobachtet? Die Antwort gibt sofort den richtigen Begriff an.